
Das Programm für die nächste Amtszeit umfasst 51 ziemlich unsinnige Punkte. Ein paar Beispiele: Alle Parkbänke werden von dunkelgrün auf knallrosa umlackiert. Das alte Stadtmotto wird abgeschafft. Statt „Fluctuat nec mergitur“ heisst es demnächst neumodisch locker: „You snooze, you lose“. Der Boulevard Saint-Michel wird von den Ausläufern des Quartier Latin bis ans Meer verlängert, grundsätzlich eine hervorragende Idee, zumal es ja irgendwann wieder Sommer wird. Zur Förderung der Artenvielfalt werden in den Stadtparks slowenische Braunbären (Jardin du Luxembourg) und Steppenwölfe (Parc Monceau) ausgesetzt. Schliesslich soll der Zuwachs der menschlichen Stadtbewohner beschleunigt werden, indem das Verbot von Begattungen unter freiem Himmel endlich aufgehoben wird.
Mit seiner Liste unterhaltsamer Belanglosigkeiten ist Gaspard Delanoë zum Star des Cyber-Wahlkampfs um das Rathaus von Paris geworden. Im wirklichen Leben hat „der echte Delanoë“, wie er sich nennt, keine Chance gegen den amtierenden Bürgermeister. Bertrand Delanoë, der seit 2001 als erster Sozialist die französische Hauptstadt regiert, muss sich kaum um seine Wiederwahl sorgen. Eine Meinungsumfrage für den Sarkozy-nahen Radiosender Europe 1 bescheinigte ihm, dass 78 Prozent der Pariser mit seiner Arbeit zufrieden sind. Für den ersten Wahlgang am 9. März werden ihm 44 Prozent der Stimmen vorausgesagt, für die Stichwahl am 16. März sogar fast 60 Prozent. Seine konservative Herausforderin tröstet ihre Truppen (und vielleicht auch sich selbst) mit der Behauptung, dass die Pariser sich noch nicht wirklich entschieden hätten. Tapfer zieht Françoise de Panafieu von Termin zu Termin und spult vor halbleeren Sälen ihr Programm herunter. Beim Club du 21e siècle waren von 350 Mitgliedern nur acht zum Abendessen mit der Kandidatin erschienen. Françoise de Panafieu hat gute Argumente gegen den amtierenden Bürgermeister. Als erstes seine atemberaubende Hochmut - eine Eigenschaft, die er ihr täglich vorführt, indem er sich jeder Debatte verweigert und zu Talkshows bestenfalls seine Stellvertreterin schickt.
„Bertrand der Herrliche“ heisst denn auch ein Buch des Journalisten Yves Stefanovitch, der das „System Delanoë“ zu durchdringen versucht. Der Bürgermeister sei ein starrköpfiger Mensch, schreibt Stefanovitch. Er sei von Selbsthass geplagt und finde sich hässlich. Im alltäglichen Umgang sei er aggressiv und nachträglich. Wer allzu deutlich mit anderen führenden Sozialisten sympathisiert, bekommt das früher oder später heimgezahlt. Delanoë möchte im kommenden Herbst nämlich die Parteiführung übernehmen - ein Ziel, das nach einem glatten Wahlsieg in Paris durchaus realistisch ist.
Fürs Erste muss Bertrand Delanoë darauf achten, dass er in seinem derzeitigen Amt so tüchtig wie möglich aussieht. Wie man ein Image fabriziert und pflegt, hat der Bürgermeister in seinem Zivilberuf als Werbemanager gelernt. Das Personal in der Presseabteilung ist unter seiner Amtsführung von 10 auf 42 Mitarbeiter aufgestockt worden. Lokaljournalisten wissen, dass im Rathaus keines ihrer Worte ungehört verschallt und kein Satz ungelesen bleibt – die kleinste Abweichung vom erwünschten Image-Pfad wird mit klageerfüllten Telefonanrufen der PR-Abteilung sanktioniert. Fotografen haben seit der Einführung des Rauchverbots in öffentlichen Räumen Anweisung, den Kettenraucher Delanoë nicht in seinem Büro zu belästigen. Peinlich wird darauf geachtet, dass bei Fototerminen ausreichend weibliche Wesen in seiner Nähe sind. Delanoë macht kein Hehl aus seiner Homosexualität. Er weiss aber auch, dass die Toleranz der bürgerlichen Pariser umso grösser ist, je weniger er seine privaten Neigungen öffentlich in Szene setzt.
In den vergangenen sieben Jahren hat Delanoë das Kunststück vollbracht, die Zahl der städtischen Beamten kräftig auszubauen und die Verwaltungskosten dennoch im Rahmen zu halten. Ende 2007 beschäftigte das Rathaus knapp 45.000 Menschen, gut 5.000 mehr als zu Zeiten seines Vorgängers. Dank eines guten Schuldenmanagements sind die Ausgaben je Einwohner gleichzeitig nur um 2,7 Prozent gestiegen. Die kommunale Wohnsteuer liegt in Paris immer noch wesentlich niedriger als in vielen Umlandgemeinden oder anderen französischen Grossstädten. Ein paar Glitzer- und Vorzeigeprojekte sind etabliert. Bertrand Delanoë hat eine alljährliche „Museumsnacht“ eingeführt und jeden Sommer am Seine-Ufer einen Kunststrand aufschütten lassen. Baden kann man bei „Paris-Plage“ nicht, dafür aber zwei Wochen lang öffentlich Duschen, Flanieren, sich Einölen und in knappstem Dress in der Sonne rösten. Nicht jede Erfindung der neuen Stadtverwaltung erschliesst sich unmittelbar. Über den Sinn anderer Höhepunkte im fröhlichen Dauerhappening der Ära Delanoë wird man lange vergeblich nachdenken: Was, bitte, ist „der Frühling der Demokratie“?
Konkret, aber umstritten sind die Ergebnisse der Verkehrspolitik. Das Leben der Busbenutzer hat die rotgrüne Rathausmehrheit merklich verbessert, indem sie feste Korridore auf den Durchgangsstrassen eingerichtet hat. Die Autofahrer hingegen verbringen seither noch mehr Zeit im Stau, besonders die Vorstadtbewohner. Delanoë hat ernst gemacht mit der Schaffung eines Strassenbahnrings, der wie eine Hemmschwelle wirkt und den Verkehr jenseits der Stadtgrenzen dermassen staut, dass immer mehr Menschen auf Motorräder umsteigen – was die Luft verpestet, weil ihr Schadstoffausstoss keinerlei Kontrollen unterliegt.
Jüngstes Verkehrsprojekt von Delanoë ist die Aufstellung von tausenden von Fahrrädern zur Selbstbedienung, den „Vé-libs“. Kein Pariser soll mehr als 300 Meter bis zur nächsten Station zurücklegen müssen. Betreiber des Systems, das wiederum viele luftverschmutzende Autofahrten zur Wartung und gleichmässigen Verteilung der Räder im Stadtgebiet verursacht, ist die Werbefirma JC Decaux, einst Lieblingsfeind des linken Parteienlagers im Rathaus. Ein Netz von Radwegen gibt es nicht, sodass die gewöhnlichen Autofahrer einen weiteren Grund haben, den Bürgermeister zu verfluchen. In seiner nächsten Amtszeit will Delanoë nun 9000 „Auto-libs“ zur Selbstbedienung einführen. Die Idee hat er von Françoise de Panafieu geklaut. Hoffentlich inspiriert er sich nicht auch noch bei seinem satirischen Gegenkandidaten: „Der echte Delanoë“ will Paris nicht nur um eine regelmässige Montgolfiere-Verbindung von Ost nach West bereichern, sondern auch noch um 1500 Miet-Dromedare.