13.5.2008

Au revoir

Von Jacqueline Hénard um 21:55 [ France profonde ]

Nach drei Monaten heftigen Streits ist das neue Gentechnikgesetz in der französischen Nationalversammlung völlig überraschend schon bei den Verfahrensfragen im Vorfeld der Abstimmung gescheitert. Der Verlauf der Debatte hatte gezeigt, dass die französische Gesellschaft in den letzten Jahren eine Sensibilität in Umweltfragen entwickelt hat, die von den politischen Entscheidungsträgern unterschätzt wird. Die Aufsicht über die mögliche Kontaminierung kontrollierter Anbauzonen durch genveränderte Samen war in dem Gesetzestext, der den Abgeordneten zur Abstimmung vorgelegt wurde, so kompliziert gestaffelt, dass nicht nur bei mehreren Hundert Demonstranten, die sich am Rande der Nationalversammlung zu einem „Anti-Genmais-Picknick“ versammelt hatte, das Gefühl eines unseligen Ausgangs herrscht. Die Opposition wollte versuchen, die Abstimmung mit mehr als 810 Änderungsanträgen Dienstag Nacht zu verhindern. Schliesslich scheiterte der Text an einer atemberaubenden Abstimmung mit den Füssen: Die Abgeordneten der Präsidentenpartei schwänzten mehrheitlich die Sitzung, die Opposition konnte den Text zu ihrer eigenen Verblüffung mit 136 zu 135 Stimmen kippen.

Die Hintergründe sind so absonderlich, dass einem die Ohren wackeln, und sie wären eine lange Erklärung wert. Mindestens genauso absonderlich ist die Geschichte rund um das gewaltgeladene Video eines Elektrorock-Duos, das eigentlich zur Pariser DJ-Schickeria zählt und jetzt unter filmischer Mithilfe von Romain Gavras (ja, dem Sohn von Constantin Costa-Gavras) innerhalb weniger Tage einen Millionen-Erfolg im Internet erreicht hat - vermutlich bei einem rechtsextremen, ausländerfeindlichen Publikum, mit dem die zwei Jungs eigentlich gar nichts gemein haben. Es ist jedenfalls unmöglich, dass es sich bei den Zuschauern ausschliesslich um intellektuelle Fans von videastischen Doku-Persiflagen handelt! Oder die jüngste Wendung im Moskito-Streit - Gymnasiasten laden sich das Hochfrequenz-Sirren auf ihr Handy. So können sie während des Unterrichts angerufen werden, ohne dass der Lehrer mit seinen abgestumpften Erwachsenenohren auch nur einen Ton vernimmt. Die Klassenkameraden ziehen eine Grimasse, aber sie halten den Mund.

Es ist also nicht so, dass es keine Themen gäbe, um diesen Blog fortzusetzen! Dennoch stelle ich ihn heute nach fast zwei Jahren - wenigstens vorläufig - ein. Nach der französischen Ratspräsidentschaft, Ende 2008, werden wir weitersehen. Bis dahin: Au revoir im gedruckten Tages-Anzeiger!



21.4.2008

In memoriam

Von Jacqueline Hénard um 17:43 [ France profonde ]

 

Beim Staatsakt zum Tod des Dichters und Politikers Aimé Césaire, der im Alter von 94 Jahren auf seiner Heimatinsel Martinique gestorben ist, war am Sonntag so viel Pariser Politprominenz  versammelt wie sie das Karibikdepartement wohl noch nie erlebt hat. Staatspräsident und amtierende Minister, gescheiterte Präsidentschaftskandidaten und ehemalige Minister. Die Familie hatte sich Fest- oder Grabreden verbeten, um jegliche Einvernahme von vornherein einzugrenzen.

Das Politikerballet erinnerte an den Tod eines anderen grossen Franzosen schwarzer Hautfarbe, auch er Dichter und Politiker, zeitweilig Minister von Staatspräsident de Gaulle, später selbst Staatspräsident der ehemaligen französischen Kolonie Senegal. Leopold Sedar Senghor, ein Freund Césaires und Studienkollege George Pompidous, Mitglied der Académie française, hatte einen grossen Teil seines Alters in der Normandie verlebt, wo er im Dezember 2001 auch gestorben ist.

Zu seiner Beerdigung im Senegal war damals kein einziger Politiker aus Paris angereist, was allerdings erst durch einen Artikel von Eric Orsenna in Le Monde zu einem Thema wurde. Die Aufmerksamkeit für Césaire und die aufgeregte Forderung wenige Stunden nach seinem Tod, sein Leichnam müsse unbedingt ins Panthéon überführt werden, ist auch eine verquere Wiedergutmachung.



16.4.2008

Operation Thalathine

Von Jacqueline Hénard um 11:14 [ France profonde ]


Der Verteidigungsexperte von "Libération" analysiert anhand von Fotos des französischen Verteidigungsministeriums (der Link führt zu den Kommentaren, das Diaporame steht unmittelbar darüber) die "Opération Thalathine" zur Befreiung der Luxusyacht "Le Ponant" und ihrer dreissig Besatzungsmitglieder. Kollegialer Dank an Jean-Dominique Merchet.

 



09.4.2008

Vor Puntland

Von Jacqueline Hénard um 16:56 [ France profonde ]

 

Zweiundzwanzig Franzosen, sechs Filipinos und eine Ukrainerin harren an Bord der "Ponant" ihres Schicksals. Zu ihrem Pech befinden sie sich vor der Küste von Puntland, einem besonders gefährlichen Landstrich im gefährlichen Somalia. Die französische Luxusyacht, auf der sie als Besatzung arbeiten, ist am vergangenen Freitag im Golf von Aden entführt worden. Offiziell gibt es keine Neuigkeiten, seitdem die Piraten den neunzig Meter langen Dreimaster in Sichtweite von Garaad im Süden des Puntlands gesteuert haben. Alle Informationen werden zentral vom französischen Aussenministerium betreut - das heisst, vor allem beschwiegen, um das Lösegeld nicht in die Höhe zu treiben.

Das Puntland ist ein halbautonomes Territorium von Somalia, das sich auf seiner Website als gastfreundliche Touristenidylle darstellt: „Viele Unterkunftsmöglichkeiten, tausende von Restaurants, hunderte von Freizeit- und Unterhaltungsangeboten warten auf die Besucher“ - siehe Foto oben. Die jüngste Pressemitteilung beschreibt in unbeholfenem Englisch, wie puntländische Sicherheitskräfte die Entführung einer österreichischen Mitarbeiterin des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge verhindert haben. In einem Halbsatz wird auch die Kaperung der „Ponant“ erwähnt, verbunden mit einem Hilfeaufruf an die internationale Staatengemeinschaft, der Piraterie ein Ende zu setzen.

Französische Journalisten haben in den vergangenen zwei Jahren verhältnismässig häufig über den florierenden Menschenhandel mit Somaliern und Äthiopiern berichtet, die von der puntländischen Küste nach Jemen gelangen und dann in die reichen Golfstaaten weiterreisen möchten. Im Puntland, das finanzielle Hilfe von der EU beziehe, herrsche die totale Gesetzlosigkeit. Die selbsternannte Provinzregierung gehöre zu den Nutzniessern der verbrecherischen Geschäfte, die am Horn von Afrika florieren, berichten die französischen Reporter.

Fünfzig Dollar pro Person kostet die illegale Überfahrt, die im Jahr 2006 laut UN-Angaben von 50.000 Menschen versucht wurde. Mindestens 1700 Menschen kamen ums Leben. Die meisten ertrinken, wenn sie kurz vor dem Ziel von der Besatzung über Bord geworfen werden. Manche sterben auch schon bei der Fahrt in den überladenen Fischerbooten (130 Passagiere auf einem zehn Meter langen Schiff). Die Besatzung prügelt stundenlang auf die Elendsflüchtlinge ein, damit sie stillhalten und das Boot nicht zum kentern bringen, berichtet der Fernsehreporter Daniel Grandclément. Der 61 Jahre alte Grandclément hat eine dreitägige Überfahrt durchgestanden und ist für seinen Bericht mit dem Figra-Preis für Dokumentarfilme ausgezeichnet worden – einen Tag, bevor Piraten die „Ponant“ kaperten.

Eine junge Bulgarin namens Anna, die bis vor einem Monat als Stewardess auf der „Ponant“ gearbeitet, erklärte im französischen Rundfunk, welche Schutzmassnahmen der Kapitän bei jeder Durchquerung des Golfs von Aden traf: Gefahren wurde nur nachts, alle Luken lichtdicht verschlossen und das Schiff so weit als möglich mit schwarzen Tüchern verhängt. „Es ist gespenstisch“, hat ein Seemann, der jetzt vor Garaad als Geisel gehalten wird, seinen Eltern per E-Mail geschrieben, als sich die Yacht den gefährlichen Gewässern näherte. Kurz darauf waren die Piraten an Bord.

 

Foto: Stéphanie Braquehais, November 2007 



03.4.2008

Moskitos im April

Von Jacqueline Hénard um 15:18 [ France profonde ]

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Herzlich willkommen in einem superfriedlichen Land. Keine Penner, keine lärmenden Jugendlichen. Die einen wird man mit einem Spray los: "Malodore" heisst es, womit das Wesen des Zaubermittels unmissverständlich beschrieben ist. Es stinkt. Man kann es unter Brücken versprühen oder auf Strassenbänken. Der Bürgermeister von Argenteuil bei Paris hatte es im vergangenen Sommer wirkungsvoll eingesetzt, um die Obdachlosen aus dem Stadtbild zu vertreiben. Eine ganz neue Spielart der Sozialpolitik. Lange hat er es nicht durchgehalten, aber immerhin wissen wir jetzt, dass es Firmen gibt, die sich in der Herstellung von Geruchswaffen gegen unliebsame Zeitgenossen versuchen.

In den letzten Tagen haben wir eine Erfindung des walisischen Ingenieurs Howard Stapleton kennengelernt, die einer vergleichbaren Sorge entstammt: Wie schafft man es, ohne Polizei und Pöbelei, herumlungernde Jugendliche aus Hauseingängen und vor Schaufenstern zu vertreiben? Nein, nicht mit Gestank. Sondern mit mückenartigem Sirren in hohen Frequenzbereichen von mehr als 17.000 Hertz - was Erwachsenenohren nicht mehr wahrnehmen, Jugendliche aber vollkommen kirre macht.

Das kleine Gerät namens "Mosquito" (auch unter dem Handelsnamen "Beethoven" zu erhalten) ist ein unscheinbares Kästchen mit Lautsprecher. In Frankreich wird die "erste Klangwaffe zur Abschreckung von Heranwachsenden" schon seit 2006 angeboten. Kostenpunkt: 905 Euro pro Stück. Lange Zeit war sie ein Geheimtip, schreibt der "Parisien", der die Affäre aufgebracht hat, jetzt seien die Verkaufszahlen explodiert. In Grossbritannien soll das Kästchen äusserst beliebt sein, in Belgien, den Niederlanden und der Schweiz hier und da schon versuchsweise installiert.

Die EU-Kommission hat sich geweigert, das Kästchen auf europäischer Ebene verbieten zu lassen. Das war am Mittwoch, dem 2. April, nachdem der belgische Jugendminister Marc Tarabella die Aufnahme in eine europaweite Warnliste beantragt hatte. Also wirklich kein Aprilscherz.

 



11.3.2008

Mit Erdbeermund

Von Jacqueline Hénard um 06:56 [ France profonde ]

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Epilog im Familiendrama: Cecilia ex-Sarkozy heiratet Richard Attias, den Werbemann, dessentwegen sie ihren Nicolas vor zwei Jahren zum ersten Mal verlassen hat, und zwar in New York. Das Gerücht kursierte schon beim Neujahrsempfang im Elysee, nachdem der Präsident seine Romanze mit Carla Inzwischen-schon-Sarkozy öffentlich vorgeführt hatte, mit allerlei Einzelheiten, die sich jetzt als richtig erweisen.

Interessant ist die Sache, wie der gesamte Fortsetzungsroman "Glück und Unglück eines Staatspräsidenten", vor allem aus sittengeschichtlichen Gründen. Denn wer hat uns die gute Nachricht überbracht? Nein, das kann niemand erraten. Es ist eine Pressemeldung des Modeunternehmens, Antenne New York, das Cecilia und Richard zu dieser Gelegenheit von Kopf bis Fuss ausstatten wird.

Und wer zahlt die Geschenke? Das Büffet? Flüge und Hotelzimmer der Hochzeitsgäste? Die Flitterwochen nicht zu vergessen? Vor ein paar Jahren hatte ein Abkömmling des notorisch finanzschwachen Grafen von Paris, theoretisch Kronprätendent, seine Hochzeit von den Erdbeerbauern von Plougastel sponsorn lassen. Dies nur als Tipp, falls das Dessert noch fehlt.



06.3.2008

Bertrand der Herrliche

Von Jacqueline Hénard um 17:44 [ France profonde ]

 

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Das Programm für die nächste Amtszeit umfasst 51 ziemlich unsinnige Punkte. Ein paar Beispiele: Alle Parkbänke werden von dunkelgrün auf knallrosa umlackiert. Das alte Stadtmotto wird abgeschafft. Statt „Fluctuat nec mergitur“ heisst es demnächst neumodisch locker: „You snooze, you lose“. Der Boulevard Saint-Michel wird von den Ausläufern des Quartier Latin bis ans Meer verlängert, grundsätzlich eine hervorragende Idee, zumal es ja irgendwann wieder Sommer wird. Zur Förderung der Artenvielfalt werden in den Stadtparks slowenische Braunbären (Jardin du Luxembourg) und Steppenwölfe (Parc Monceau) ausgesetzt. Schliesslich soll der Zuwachs der menschlichen Stadtbewohner beschleunigt werden, indem das Verbot von Begattungen unter freiem Himmel endlich aufgehoben wird.

Mit seiner Liste unterhaltsamer Belanglosigkeiten ist Gaspard Delanoë zum Star des Cyber-Wahlkampfs um das Rathaus von Paris geworden. Im wirklichen Leben hat „der echte Delanoë“, wie er sich nennt, keine Chance gegen den amtierenden Bürgermeister. Bertrand Delanoë, der seit 2001 als erster Sozialist die französische Hauptstadt regiert, muss sich kaum um seine Wiederwahl sorgen. Eine Meinungsumfrage für den Sarkozy-nahen Radiosender Europe 1 bescheinigte ihm, dass 78 Prozent der Pariser mit seiner Arbeit zufrieden sind. Für den ersten Wahlgang am 9. März werden ihm 44 Prozent der Stimmen vorausgesagt, für die Stichwahl am 16. März sogar fast 60 Prozent. Seine konservative Herausforderin tröstet ihre Truppen (und vielleicht auch sich selbst) mit der Behauptung, dass die Pariser sich noch nicht wirklich entschieden hätten. Tapfer zieht Françoise de Panafieu von Termin zu Termin und spult vor halbleeren Sälen ihr Programm herunter. Beim Club du 21e siècle waren von 350 Mitgliedern nur acht zum Abendessen mit der Kandidatin erschienen. Françoise de Panafieu hat gute Argumente gegen den amtierenden Bürgermeister. Als erstes seine atemberaubende Hochmut - eine Eigenschaft, die er ihr täglich vorführt, indem er sich jeder Debatte verweigert und zu Talkshows bestenfalls seine Stellvertreterin schickt.

„Bertrand der Herrliche“ heisst denn auch ein Buch des Journalisten Yves Stefanovitch, der das „System Delanoë“ zu durchdringen versucht. Der Bürgermeister sei ein starrköpfiger Mensch, schreibt Stefanovitch. Er sei von Selbsthass geplagt und finde sich hässlich. Im alltäglichen Umgang sei er aggressiv und nachträglich. Wer allzu deutlich mit anderen führenden Sozialisten sympathisiert, bekommt das früher oder später heimgezahlt. Delanoë möchte im kommenden Herbst nämlich die Parteiführung übernehmen - ein Ziel, das nach einem glatten Wahlsieg in Paris durchaus realistisch ist.

Fürs Erste muss Bertrand Delanoë darauf achten, dass er in seinem derzeitigen Amt so tüchtig wie möglich aussieht. Wie man ein Image fabriziert und pflegt, hat der Bürgermeister in seinem Zivilberuf als Werbemanager gelernt. Das Personal in der Presseabteilung ist unter seiner Amtsführung von 10 auf 42 Mitarbeiter aufgestockt worden. Lokaljournalisten wissen, dass im Rathaus keines ihrer Worte ungehört verschallt und kein Satz ungelesen bleibt – die kleinste Abweichung vom erwünschten Image-Pfad wird mit klageerfüllten Telefonanrufen der PR-Abteilung sanktioniert. Fotografen haben seit der Einführung des Rauchverbots in öffentlichen Räumen Anweisung, den Kettenraucher Delanoë nicht in seinem Büro zu belästigen. Peinlich wird darauf geachtet, dass bei Fototerminen ausreichend weibliche Wesen in seiner Nähe sind. Delanoë macht kein Hehl aus seiner Homosexualität. Er weiss aber auch, dass die Toleranz der bürgerlichen Pariser umso grösser ist, je weniger er seine privaten Neigungen öffentlich in Szene setzt.

In den vergangenen sieben Jahren hat Delanoë das Kunststück vollbracht, die Zahl der städtischen Beamten kräftig auszubauen und die Verwaltungskosten dennoch im Rahmen zu halten. Ende 2007 beschäftigte das Rathaus knapp 45.000 Menschen, gut 5.000 mehr als zu Zeiten seines Vorgängers. Dank eines guten Schuldenmanagements sind die Ausgaben je Einwohner gleichzeitig nur um 2,7 Prozent gestiegen. Die kommunale Wohnsteuer liegt in Paris immer noch wesentlich niedriger als in vielen Umlandgemeinden oder anderen französischen Grossstädten. Ein paar Glitzer- und Vorzeigeprojekte sind etabliert. Bertrand Delanoë hat eine alljährliche „Museumsnacht“ eingeführt und jeden Sommer am Seine-Ufer einen Kunststrand aufschütten lassen. Baden kann man bei „Paris-Plage“ nicht, dafür aber zwei Wochen lang öffentlich Duschen, Flanieren, sich Einölen und in knappstem Dress in der Sonne rösten. Nicht jede Erfindung der neuen Stadtverwaltung erschliesst sich unmittelbar. Über den Sinn anderer Höhepunkte im fröhlichen Dauerhappening der Ära Delanoë wird man lange vergeblich nachdenken: Was, bitte, ist „der Frühling der Demokratie“?

Konkret, aber umstritten sind die Ergebnisse der Verkehrspolitik. Das Leben der Busbenutzer hat die rotgrüne Rathausmehrheit merklich verbessert, indem sie feste Korridore auf den Durchgangsstrassen eingerichtet hat. Die Autofahrer hingegen verbringen seither noch mehr Zeit im Stau, besonders die Vorstadtbewohner. Delanoë hat ernst gemacht mit der Schaffung eines Strassenbahnrings, der wie eine Hemmschwelle wirkt und den Verkehr jenseits der Stadtgrenzen dermassen staut, dass immer mehr Menschen auf Motorräder umsteigen – was die Luft verpestet, weil ihr Schadstoffausstoss keinerlei Kontrollen unterliegt.

Jüngstes Verkehrsprojekt von Delanoë ist die Aufstellung von tausenden von Fahrrädern zur Selbstbedienung, den „Vé-libs“. Kein Pariser soll mehr als 300 Meter bis zur nächsten Station zurücklegen müssen. Betreiber des Systems, das wiederum viele luftverschmutzende Autofahrten zur Wartung und gleichmässigen Verteilung der Räder im Stadtgebiet verursacht, ist die Werbefirma JC Decaux, einst Lieblingsfeind des linken Parteienlagers im Rathaus. Ein Netz von Radwegen gibt es nicht, sodass die gewöhnlichen Autofahrer einen weiteren Grund haben, den Bürgermeister zu verfluchen. In seiner nächsten Amtszeit will Delanoë nun 9000 „Auto-libs“ zur Selbstbedienung einführen. Die Idee hat er von Françoise de Panafieu geklaut. Hoffentlich inspiriert er sich nicht auch noch bei seinem satirischen Gegenkandidaten: „Der echte Delanoë“ will Paris nicht nur um eine regelmässige Montgolfiere-Verbindung von Ost nach West bereichern, sondern auch noch um 1500 Miet-Dromedare.

 



20.2.2008

En famille

Von Jacqueline Hénard um 22:54 [ France profonde ]

 

Er hat die Hand verloren, sagt man auf Französisch, wenn einem Menschen etwas nicht gelingt, das er doch eigentlich beherrscht. Nicolas Sarkozy scheint innerhalb von Wochen gleich beide Hände verloren zu haben. Was er auch anpackt, es läuft schief. Lassen wir das Privatleben, die Persönlichkeit der Auserwählten und ihre überstürzte Hochzeit einmal aus und schauen nur auf die Politik, sein eigentliches Metier und die Kunst, derentwegen die Franzosen ihn vor neun Monaten gewählt haben. Europa: Tolpatschigkeiten wie die hohlen Versprechen an die Fischer unmittelbar vor der eigenen Ratspräsidentschaft. Die Bestellung eines Nachfolgers für das Rathaus von Neuilly: ein Desaster ohne Ende. Erst die Inthronisierung seines jungen Pressesprechers, der noch nie selbst Politik gemacht hatte und Neuilly bloss vom Durchfahren kannte. Dann die Zänkereien zwischen Kandidaten, nicht nur in Neuilly, auch in Paris und anderswo. Manchmal verschlägt es einem den Atem: Wer ist eigentlich in den letzten Jahren Parteipräsident dieser UMP gewesen, die sich jetzt zerfleischt?

Panik liegt in der Luft rund um das Elysée, und ein strenger Geruch nach Regierungsumbildung. Heute wurde bekannt, dass die Strafermittlungen gegen den Staatssekretär für den öffentlichen Dienst, André Santini, wegen Missbrauchs öffentlicher Mittel fortgesetzt werden. Bei der SNCF ist Guillaume Pépy zum neuen Chef bestellt worden, was die bisherige Chefin Anne-Marie Idrac freistellt für eine Regierungsfunktion. Die Favoritinnen des ersten Kabinetts Fillon - Rachida Dati, Rama Yade und Christine Lagarde - sind alle drei, aus unterschiedlichen Gründen, in Schwierigkeiten.

Dati hat mehr Haare auf den Zähnen als in einen Mund hineinpassen; sie hat sich in der Justiz nur Feinde gemacht, einen Ton wie ein Feldwebel im Umgang mit ihren Mitarbeitern und den Charme eines Aktendeckels, wenn sie Interviews zu ihrem eigenen kommunalpolitischen Debüt gibt.

Rama Yade ist politisch talentierter, geschickter, lässt sich aber manchmal von der Situation mitreissen und gibt dann hanebüchenes Zeug von sich. Gestern zum Beispiel: dass die Linke sie in ihrem Wahlkreis unfair angreife, weil sie Schwarze sei. Solche Viktimisierungsparolen sind unter der Gürtellinie, und sie hat sie eigentlich nicht nötig. Wenn hier einer angriffslustig ist, dann sie!

Christine Lagarde wiederum windet ihre Worte nicht genug, wenn sie zur Wirtschaftslage gefragt wird. Man versteht immer, was sie meint, oder wenn sie partout nicht einverstanden ist. Neulich soll sie schon ihren Rücktritt angeboten haben.

Wir könnten hier jetzt die gesamte Regierung durchdeklinieren. Das wollen wir den werten Lesern ersparen und nur noch eine Figur näher betrachten: Bernard Kouchner, den Aussenminister - und Ehemann von Christine Ockrent, der Journalistin, die neulich unangenehm aufgefallen ist, weil sie einen gut dotierten Vertrag mit dem staatlichen Auslandssender France 24 hat (120.000 Euro für einen kurzen Kommentar pro Woche), der ihrem lieben Gatten untersteht.

Jetzt hat das Schicksal in Gestalt des Staatspräsidenten in das Familienleben der Kouchners eingegriffen und für eine noch grössere Nähe gesorgt: Christine Ockrent soll Generaldirektorin der neuen Holdinggesellschaft aller französischsprachigen Auslandssender werden, verkündet das Elysée. Frankreich als Familienbetrieb! Hier und da erhebt sich eine (dünne) Stimme und protestiert, Frau Ockrent sei doch eine kompetente Journalistin und so weiter und so fort. Ob das springende Punkt ist?



04.2.2008

Mme Sarkozy III

Von Jacqueline Hénard um 15:38 [ France profonde ]

Bruni DT

Dem "Figaro", einem Blatt ohne antipräsidialen Affekt, verdanken wir den Hinweis nicht nur auf das Geld- und Immobilienvermögen von Carla Bruni (18,7 Millionen Euro), was ihr eine gewisse Unabhängigkeit sichern sollte, sondern auch auf die jüngsten beruflichen Aktivitäten der neuen Frau Sarkozy. So ist Frankreichs First Lady derzeit in Werbespots für eine italienische Automarke zu sehen, was noch verhältnismässig unproblematisch ist verglichen mit dem Foto, das die spanische illustrierte DT in ihrer Januar-Ausgabe veröffentlicht, eine nackte Carla Bruni mit Ehering am Finger.

Zwei Dinge sind gleichermassen unvorstellbar: Dass Mme Nicolas Sarkozy III, die Zeit ihres Lebens leidenschaftlich gern und ohne Not schockiert und provoziert hat, jetzt auf einmal Häkelnachmittage für artige Hausfrauen veranstaltet, bei denen sie in hochgeschlossenen Kleidern auftritt. Und dass die Franzosen, nach einem Moment der wohlig-voyeuristischen Empörung, Geschmack finden an der Schamlosigkeit, die im Elysee-Palast Einzug gehalten hat. Und das ist nicht einmal eine Frage der Spiessigkeit, sondern der Würde der Institution, die Frankreich in Krisenzeiten zusammenhalten soll.



29.1.2008

Zweierlei Schock

Von Jacqueline Hénard um 09:50 [ France profonde ]

Einen "Vertrauensschock" hatte Nicolas Sarkozy den Franzosen versprochen, wenn sie ihn zum Präsidenten wählten; nun haben sie ihn, und allerlei Schocks dazu. Die Stimmung im Lande ist auf einem neuen Tiefststand. So niedrig war sie zuletzt 1996, in der Ära Juppé.

Dazu noch ein paar Zahlen in Sachen Société Générale aus der Börsenstatistik, die, trotz umfangreicher Berichterstattung, komischerweise kein Thema sind. Ist es denn so banal, wenn die Umsätze mit SocGen-Aktien ausgerechnet in dem Moment in die Höhe schnellen, in denen das interne Controlling endlich merkt, wie gefährlich die Lage ist? Bis zum 17. Januar: ebenmässige Umsätze von vier bis fünf Millionen Stück pro Tag. Danach: 10.838.328 (18. Januar), 11.006.340 (21. Januar), 11.653652 (22. Januar), 11.927.328 Stück (23. Januar). Am 24. findet die Pressekonferenz statt, in der das Debakel aus Sicht des Managements dargestellt wird. Von dem Zeitpunkt an kann man nicht mehr von Insider-Geschäften sprechen und die Umsatzzahlen sollen uns wurscht sein - aber vorher???



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